Et Roathemer Klösterke

von Johannes Bürger
 

Die ungewöhnlich große Resonanz zu den Erinnerungen an Lehrer Elbern im Osterpfarrbrief macht mir Mut, diesmal etwas über die Klosterschwestern in Ratheim zu schreiben.

Auf dem Grundstück am Übergang des Ratheimer Marktes in den Kirchberg, Am Kirchberg 1, wo heute ein weißes Mehrfamilienhaus diagonal zur Straße steht, war bis 1961 das Ratheimer Kloster "Maria Hilf", in Ratheim "et Klösterke" genannt. In den Herzen der älteren Generation ist die Erinnerung an die dort lebenden und wirkenden Klosterschwestern noch lebendig. 1865 war ein Vertrag zwischen dem Hauseigentümer Edmund Frh. Spies von Büllesheim und der Ordensgemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi in Dernbach/Taunus über die kostenfreie Nutzungsüberlassung des Hauses an die Schwestern abgeschlossen worden. Die Familie von Spies hatte diese Stiftung aus Anlass des Eintritts ihrer Tochter Maria in ein Kloster gemacht, um "den Armen, Kranken und Kindern" in Ratheim durch die Ordensschwestern zu helfen, wie es im Vertrag hieß.

Die Dernbacher Schwestern gehörten dann nahezu 100 Jahre zum täglichen Erscheinungsbild in Ratheim. So sah man sie täglich in der Frühe in ihrer strengen Ordenskleidung zum Gottesdienst in die Pfarrkirche gehen. Die Klostergemeinschaft bestand immer aus 4, manchmal aber auch aus 5 Schwestern. Die Oberin und eine der übrigen Schwestern wechselten häufig. Die "Nähschwester", zuletzt Schwester Sigwina, und die "Krankenschwester", zuletzt Schwester Sacrata, aber waren jahrzehntelang in Ratheim.

Die bekannteste von allen war Schwester Sacrata, die viele Jahre - bis 1961 - an jedem Sterbebett in Ratheim stand, den Sterbenden letzte Dienste erwies, mit ihnen betete, die Verstorbenen ankleidete, auf das Totenbett legte und die Angehörigen tröstete. Bei leichten Verletzungen oder Krankheitsfällen nahm man zunächst den Weg "no et Klösterke", anstatt gleich den Arzt aufzusuchen, denn es gab ja in Ratheim nur eine einzige Arztpraxis. Schwestern Sacrata fuhr mit ihrem Fahrrad durch Ratheim; an ihrem Rad hing immer ein schwarzer Stoffbeutel, in dem sich Lebensmittel oder Wäschestücke befanden, die gute Menschen ins Kloster gebracht hatten und die sie an bedürftige Mitmenschen weiterschenkte. 1978 ist Schwester Sacrata im Mutterhaus Dernbach gestorben.

Die Schwestern unterhielten auch eine Nähschule, die von Schwester Sigwina bis zur Auflösung des Klosters geleitet wurde. Hier wurden vielen Ratheimer Mädchen und Frauen die Grundbegriffe des Nähens und Schneiderns vermittelt. Manche Frauen verrichteten dort die gesamten Flickarbeiten für ihre Familien. (Man lebte noch nicht in einer Wohlstandsgesellschaft.) Auch Kochen, Häkeln und Stricken brachte Schwester Sigwina den Mädchen bei. Schwester Sigwina ist 1970 in einem Kloster in Kastellaun/Hunsrück verstorben.

1945 eröffnete unsere Pfarre zunächst in der Gaststätte "Jägerhof" einen Kindergarten. Dieser wurde von Schwester Legata, im Volksmund wegen ihres energischen Auftretens Schwester "Rabiata" genannt, viele Jahre geleitet.

Auch die Ausschmückung unserer Pfarrkirche gehörte zu den ständigen Aufgaben der Schwestern, die im übrigen da einsprangen, wo "Not am Mann" war.

Dass in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Weggang in ihrer kleinen Kapelle das Allerheiligste aufbewahrt wurde, war für die Schwestern eine große Freude. Jeden Montagmorgen wurde dort eine Messe gefeiert. Zum jährlichen "Ewigen Gebet" kamen die Massen nachts in die Klosterkapelle.

Von einigen Ratheimern weiß ich, dass sie den Schwestern Anliegen anvertrauten, die diese dann in ihr tägliches Gebet einschlossen. Die Schwestern, die wir gekannt haben, waren immer freundlich und sogar fröhlich. Sie machten keinen frustrierten Eindruck, wie man das seit einiger Zeit manchmal über Priester und Ordensleute sagt. Zu ihren Nachbarn pflegten sie ein freundschaftliches Verhältnis. Das galt insbesondere für die neben ihnen wohnende evangelische Familie. Probleme gab es dabei für sie -selbstverständlich - nicht.

Am 25. Januar 1961 hieß es in einem Brief aus Dernbach an Baron Egon Spies von Büllesheim: "Infolge des minimalen Nachwuchses bei unserem großen Ausfall an Schwesternkräften durch Krankheit und Tod hat sich unsere Lage derart verschlechtert, dass wir noch in diesem Jahr Schwestern aus einer Anzahl von Niederlassungen abberufen werden ..."

Am 1. August 1961 war es dann soweit. Die Trauer, die darüber in Ratheim herrschte, kommt in dem Bericht der Erkelenzer Volkszeitung vom 9. 6. 1961 treffend zum Ausdruck: "Ein unersetzlicher Verlust. Alle Ratheimer sehen die Schwestern nur schweren Herzens scheiden, mit dem Gefühl, als ob ein liebes Glied der Familie wegginge.
Sie sind einfach nicht von Ratheim wegzudenken. Bald wird man Schwester Sacrata nicht mehr - sei es am frühen Morgen oder in später Nachtstunde, bei Eiseskälte oder glühender Sommerhitze - mit ihrem Rad durch die Straßen fahren sehen, immer mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen."

Ratheim ist durch den Weggang der Schwestern ärmer geworden. Das gilt auch für viele andere Dörfer in unserer Heimat.

(aus dem Pfarrbrief Weihnachten 2000)



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